Unsere Verstorbenen
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Oft steh' ich an der Schublade mit deinen Babysachen

Kranz am Kindergrab Ja, wenn Du noch leben würdest, dann wärst du heute ein junger Mann von 19 Jahren. Ich würde dich nicht mehr so oft sehen, weil du viel mit Freunden und vor allem deiner Freundin unterwegs wärst oder "abhängen" würdest, wie die jungen Leute heute so sagen. Aber du würdest leben, leben! Und ich würde dich umarmen können. Ich würde bei deiner Hochzeit dabei sein und bei der Taufe deiner Kinder. Du konntest nicht mehr getauft werden, du bist nur drei Wochen alt geworden. Aber wie kann es auch anders sein, du bist ein Engel geworden, mein kleiner Engel, mein Bub, mein Baby. Jeder Tag, an dem ich mit dir schwanger war, war für mich ein Freudentag. Ich hatte mich so auf dich gefreut. Und Vati nicht weniger. Wie oft hat er meinen Bauch gefühlt, sein Ohr an meine Bauchdecke gelegt und versucht, deinen Herzschlag zu spüren. Wie gerne bin ich nachts wach geworden, wenn du mal wieder heftig in meinem Bauch herum gestrampelt hast. Denn dann wusste ich ja, du lebst, du wächst heran, du wirst auf die Welt kommen und unser Leben wird schöner sein. Als uns der Frauenarzt sagte, dass ich einen Jungen auf die Welt bringen werde, habe ich zuerst einmal ungläubig geguckt. Denn in unserer Familie wurden über zwei Generationen nur Mädchen geboren. Dein Vater hat dann gelacht, ich habe gelacht und Freudentränen geweint. Ein Junge!

Mein kleiner Thomas! Wir hatten nur 17 Tage miteinander. Und Nächte natürlich, in denen ich dich gestillt und gewickelt habe. Ich sehe noch heute dein Lächeln, wenn ich dich am Bauch gekrabbelt habe. Ich rieche noch heute deinen Babyduft. Und oft stehe ich an der Schublade mit deinen Babysachen. Als ich neulich die Schublade geöffnet und über die Beinchen deines Stramplers gestreichelt habe, stand plötzlich deine "kleine" Schwester hinter mir. Sie geht jetzt in die 11. Klasse und macht uns viel Freude. Sie hatte zwei Stunden früher Schulschluß und so hat sie mich überrascht. Sie hat mich in die Arme genommen und zweimal geküßt. "Der erste Kuß ist von Thomas", hat sie gesagt. "Er ist gestorben, aber tot kann er nicht sein, denn er lebt ja in uns!"

Als ich meine Tränen getrocknet hatte, habe ich dich lächeln gesehen.

Deine Mami Anna-Maria Schmidt © Kopfweiden-Verlag
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