Unsere Verstorbenen
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Vater, ich kenne dich nicht und doch kenne ich dich ganz genau

Als ich Ende 1943 auf die Welt kam, da warst du schon tot. "Gefallen für Führer, Volk und Vaterland", wie man damals in den Trauerkarten lesen konnte. Du bist aber nicht "gefallen" wie hunderttausende Soldaten, du bist da ertrunken, wo heute Millionen Menschen Urlaub machen - vor der Küste Nordafrikas. Niemand von der Marine hat mir sagen können, ob du verletzt gewesen bist, ob du vielleicht schon tot warst, bevor das Meer dich aufgenommen hat. Mutter hat sich nie überwinden können, einmal nach Tunesien oder Ägypten zu reisen. "Das stehe ich nicht durch, wenn ich denke, dass Werner da gestorben ist..."

Matrose der Kriegsmarine Deine Frau, meine Mutter, hat mich durch die Nachkriegsjahre gebracht. Es waren Jahre voll Hunger und Kälte, Jahre ohne den "Riesen Werner", ihren Mann, an dessen breiter Brust sie hätte Schutz finden können. Den Schmerz hat sie verdrängt. Nur nachts habe ich sie manchmal weinen gehört. Als ich selbst eine junge Frau war, konnte ich mit ihr darüber sprechen. Mutti hätte gerne wieder geheiratet. "Das wäre ganz im Sinne deines Vaters gewesen, denn ein Kind braucht einen Vater!" Und dann hat sie leise hinzugefügt: "Aber es gab ja für uns keine Männer mehr, die sind in Russland geblieben oder im Meer wie dein Vater!"

Papa, auch ich habe dich so gebraucht. Du hast inzwischen zwei Enkel, die auch sehr groß sind - der eine ist 1,92 m, der andere 1,95. Auf deine Enkel, wärst du mächtig stolz. Uwe, unser "Kleiner", ist dir wie aus dem Gesicht geschnitten. 1990 habe ich zum ersten Mal in Ägypten Urlaub gemacht. Ich bin in einem Boot aufs Meer und habe einen Blumenstrauß ins Wasser geworfen. Das mache ich seither jedes Jahr. Ich spreche mit dir, ich hole mir deinen Rat und in diesen Momenten kenne ich dich ganz genau, obwohl ich dich doch eigentlich gar nicht kennen kann. Uwe und Maximilian haben mich schon dreimal begleitet und wir haben deine Nähe gespürt. Papa, ich hätte gerne einen Mann wie dich kennen gelernt. Mit Erich hat es nicht so richtig geklappt, wir sind schon lange geschieden. Aber ich bin ja nicht ohne Männer. Ich habe zwei wundervolle Söhne. Und Du bist für mich zum Greifen nah.
Deine Tochter Erika Klein © Kopfweiden-Verlag
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