Unsere Verstorbenen
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Zwiesprache mit Valerie an einem alten, überwucherten Grabstein

Valerie, das war die schöne Kollegin aus meinem Maklerbüro, sagte mir einmal, ich hätte so etwas Morbides an mir, weil ich in der Mittagspause so gerne auf den alten evangelischen Friedhof gehe. Aber wo ist es mitten in Berlin unweit vom "Alex" so ruhig und so schön, wie auf diesem Friedhof mit seinen alten Grabsteinen? Hier sieht man wenig Leute, hier klingelt kein Handy und hier laufen auch keine Jungs in Designer-Jeans und Trend-Sportschuhen herum. Und hier muß ich mir auch nicht die immer Überwuchertes Grab gleichen blöden Witze und Geschichten über Sex, über Weiber oder über unsere Kunden anhören. Mein Lieblingsplatz ist an dem alten Sarkopharg, der fast völlig überwuchert ist. Wer hier begraben liegt, ist nicht mehr zu entziffern - nur das Todesjahr kann man noch lesen: 1857. Frische Blumen legt hier keiner mehr nieder. Aber die Natur sorgt für frisches Grün. Wildkräuter blühen gelb und blau. Eine Eidechse hält auf dem von der Sonne aufgewärmtem Stein ihren Mittagsschlaf.

Valerie ist einmal mit mir auf den Friedhof gekommen. Sie fand die ganze Szenerie gruselig - und dabei war es ein sonnenüberfluteter Tag. Ich habe sie gefragt, wo sie denn einmal begraben liegen möchte. "Wer denkt denn an den Tod?", kam die Gegenfrage. "Da kann ich mir mal Gedanken drüber machen, wenn ich achtzig bin!" Valerie ist zwei Jahre später gestorben, da war sie noch keine dreissig. Die Chemo hatte letzten Endes doch nichts genützt. Sie wurde in ihrer Heimatstadt Brandenburg beerdigt. So richtig näher waren wir uns erst gekommen, als die Krankheit schon ausgebrochen war. Nach der zweiten Therapie wollte sie mit mir auf den alten evangelischen Kirchhof an der Prenzlauer Straße. Ich habe sie im Rollstuhl hingefahren. Ich habe über eine gemeinsame Zukunft sprechen wollen, aber ihre Gedanken kreisten nur um den Tod. "Ich kann mir gut vorstellen, unter einer solchen Steinplatte zu liegen. Ich brauche keinen Blumen. Wenn ab und zu ein Eichhörnchen über die Platte huscht, das würde mir genügen."

Man findet mich in der Mittagspause und bei gutem Wetter fast immer auf dem Friedhof. Ab und zu rupfe ich etwas Efeu aus, damit der Stein nicht ganz überwuchert wird. Ich denke oft an Valerie. Nicht nur hier. Sie war ja schließlich meine Frau, denn 14 Tage vor ihrem Tod haben wir geheiratet. Sie ganz in weiß in der Krankenhauskapelle. Wir hatten keine Hochzeitsreise und noch nicht einmal eine Hochzeitsnacht. Aber wir hatten uns so lieb.
Jens P. im Sommer 2006 © Kopfweiden-Verlag
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