
Liebe Mutti! Zwei Wochen nach deiner Beerdigung mussten wir deine Wohnung ausräumen. Wir haben einen
Tag alles angesehen und geprüft, was für dich wichtig war und was wir unbedingt als Erinnerungsstücke
behalten wollten. Am anderen Tag ist dann ein Nachlaßverwerter gekommen und hat deine Möbel, deine
Kleidung, dein Geschirr, Ölgemälde und was sonst noch in der Wohnung war mitgenommen. Ich wollte nicht
mit dabei sein; so haben Lars und Peter die ganze Aktion gesteuert. Lars brachte das Geld mit, es
waren 1.300 €, die der Nachlaßmann gezahlt hat. Wir werden es für einen Grabstein einsetzen und für
die Grabpflege. Deine Wohnung ist inzwischen frisch renoviert. Die Nachmieter kommen in eine Wohnung,
in der ein ganz wunderbarer Mensch gelebt hat - nämlich du, meine liebe Mutti. Hier bin ich
aufgewachsen, hier haben wir uns gegenseitig gestützt, als Vati auszog zu der anderen. Du bist
unglücklich gewesen, aber Vati hat das große Glück auch nicht gefunden, ganz im Gegenteil. Er ist
hinter deinem Sarg hergegangen und hat geheult. Da war es zu spät, denn was er uns angetan hat, das
können keine Tränen wegschwemmen. Als Lars und Peter auf die Welt gekommen sind, haben sich deine
Depressionen gelegt. Du bist wieder zu einer wunderbaren Mutti geworden, eben der Großmutti. Du hast
deine Enkel großgezogen, als ich ganztags arbeiten ging, weil auch mir der Ehemann abhanden gekommen
war. Und du hast die Erziehung großartig gemacht. Deine Enkel hatten die beste Großmutter aller Zeiten
und sie vermissen dich unendlich, genauso, wie ich dich vermisse. Sie vermissen auch den Käsekuchen,
den du gebacken hast und der mir noch nie so richtig gelungen ist.
Sie ziehen mich immer wieder damit auf, dass mein Flammkuchen ganz gut schmecke, aber nie und nimmer
so gut sei wie deiner. Nun ja, du kamst ja auch aus dem Elsaß und hast deinen Enkeln beim Französisch
zu einer Zwei im Abi verholfen. Gestern wäre dein 77. Geburtstag gewesen. Wir sind zum Friedhof
gefahren, der Grabstein ist noch nicht aufgestellt, aber dein Grab ist schön bepflanzt. Ich habe am
Grab geweint, Lars und Peter auch. Wir sind dann zu Angelo gefahren, wo wir uns ja oft auf einen
Capuccino getroffen haben. Und auf einmal hat Lars aus seiner Jacke ein kleines, altes Taschenalbum
gezogen. Das Leder war abgegriffen, die Celluloidhüllen eingerissen. Aber die kleinen Schwarz-Weiß-Fotos
waren in gutem Zustand. Es war dein Taschenalbum, das der Nachlaßverwerter in einer Handtasche gefunden
und zurück gebracht hat. Ich habe alle Fotos angesehen und jedes brachte schöne Augenblicke in
Erinnerung.
Es ist auch das Foto dabei, wie ich als Engel im Krippenspiel auf der Volksschule die frohe Botschaft
verkünde. Das Engelkostüm hattest du selbst geschneidert, die Flügel aus Draht zurecht gebogen und mit
Filz bespannt. Lars und Peter haben sich über das Foto köstlich amüsiert. Peter hat gesagt "Oma ist
jetzt auch ein Engel, wenn auch einer von fast 80 Jahren!" Und als wir erstaunt geguckt haben, hat er
hinzugefügt: "Es muß ja im Himmel auch alte Engel geben, die den jungen beibringen, wie man Flügel aus
Draht und Filz zusammensetzt!" Da haben wir alle drei richtig herzhaft lachen müssen und du wirst unser
Lachen gehört haben. Mutti, wir danken dir und wir haben dich so lieb!