Unsere Verstorbenen
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Das Kreuz am Straßenrand für meine Friederike

Heute wäre dein 35. Geburtstag, liebe Frizzi. Du bist seit drei Jahren nicht mehr bei uns. Deine kleine Tochter hat den Unfall auf wundersame Weise fast unverletzt überlebt, Du warst auf der Stelle tot, wie man mir im Krankenhaus geagt hat. Dass du keine Schmerzen erlitten hast, war in all dem Elend ein kleiner Trost. Der größte Trost aber ist für mich deine Judy, meine über alles geliebte Enkelin. Ich habe das Sorgerecht für sie bekommen, denn ihr Vater hängt nach wie vor an der Nadel. Er hat sich auch bisher nie blicken lassen. Ich werde nachher mit ihr an das Wegekreuz gehen, dass ich aufgestellt habe. Judy ist jetzt fast acht Jahre alt und sie hat begriffen, dass sie ohne Mami aufwachsen wird. "Dafür habe ich aber den besten Papa auf der Welt!", sagt sie - und meint mich, ihren Großvater.

Kreuz am Straßenrand

Ich habe viele Nächte wach gelegen und mich immer gefragt, warum ich so gestraft worden bin. Erst ist deine Mutti nach langer Krankheit von uns gegangen, ein Jahr später hat dich ein wahnsinniger Verkehrsrowdy umgebracht. Aber ich bin auch beschenkt worden! Judy ist ein kesses, fröhliche junges Mädchen. Sie hat viel Fantasie und schreibt tolle Geschichten, die sie mit bunten Zeichnungen garniert.

Wir zwei haben unser Leben schön abgestimmt. Ich hole sie spät-nachmittags von der Ganztagsschule ab und mache ihr einen Kakao und sie serviert mir einen Kaffee aus einem tollen Kaffee-Automaten, den mir dein Bruder geschenkt hat. Er wohnt weit weg in Bamberg und ich sehe ihn nur ein- bis zweimal im Jahr. Judy hat eine Menge Freundinnen und seit neuestem auch einen Freund, einen dicken zehnjährigen Jungen aus ihrer Klasse, der schon einmal sitzengeblieben ist, den sie aber unbedingt heiraten will, weil er so tolle Computerspiele hat.

Die Zeit, in der du herangewachsen bist, meine liebe Friederike, vergesse ich nie - und all das wiederholt sich nun mit unserer Judy. Sie hat die gleichen widerspenstigen Haare wie du und sie trägt einen Zopf, den ich ihr flechte. Am Wochenende besucht mich Caroline, meine neue Partnerin, die wir im Troisdorfer Bilderbuchmuseum kennen gelernt hatten. Derzeit ist Judy noch eifersüchtig auf die "Tante", aber die Situation entspannt sich von Wochenende zu Wochenende. Du warst nur relativ kurze Zeit auf dieser Welt, meine liebe Tochter. Aber du hast mir etwas Wunderbares hinterlassen. Eine Enkelin, in der ich dich jeden Tag wieder erkenne. So bin ich denn doch noch ein ausgeglichener Mensch geworden, der nicht in Trauer erstarrt ist. Und wenn Judy kichert und lacht, und das tut sie häufig, dann muß auch ich lachen. Im Lachen deiner Tochter höre ich dein eigenes Lachen und dann spüre ich, dass du uns von irgend woher hörst und uns von irgend woher begleitest.
Dein Vati Hubert Baumann © Kopfweiden-Verlag
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