
Es ist etwas Wundersames geschehen, meine kleine Fränzi. Es ist wundersam für mich, für andere Menschen
mag es etwas ganz Normales oder gar etwas Lächerliches sein: Auf Deinem Grab hat sich eine Kiefer
ausgesät. Eine winzig kleine Kiefer, einen Sämling nur. Ich habe den Sämling ausgegraben und in einen
kleinen Blumentopf gepflanzt. Und wie Du siehst, treibt die kleine Kiefer aus! Ich habe auch schon einen
Namen für den kleinen Baum: Fränzis Kiefer! Das Bäumchen ist jetzt zwei Jahre alt, etwa so alt wie Du,
als Du uns entrissen wurdest. Wenn ich Deine Kiefer anschaue, und das tue ich jeden Morgen und jeden
Abend, dann sehe ich Dich und dann höre ich Dein Lachen und auch Dein Schimpfen, wenn Dir beim Baden
Seifenschaum ins Auge gekommen war oder wenn ich Deinen Zopf zu fest geflochten hatte. Ich fühle Dich
dann in meinen Armen, wenn Du Trost gesucht hast wegen irgendeiner Kleinigkeit, über die kleine Kinder
in Tränen ausbrechen können. Als Du gestorben bist, habe ich viele Tränen vergossen. Lange Wochen hat
sich eine Therapeutin mit Mami und mir beschäftigt. Komischerweise hat mir die kleine Kiefer von Deinem
Grab mehr Kraft gegeben, als die Worte der Therapeutin. Das Bäumchen sagt mir, dass das Leben ein
Kreislauf ist, der nie endet. Und es sagt mir, dass auch Du, meine liebe Fränzi, ein Teil dieses
Kreislaufs bist. Du bist bei mir bis zu meinem Tod. Und wenn auf meinem Grab einmal ein Sämling wächst,
dann soll man ihn neben die Fränzi-Kiefer pflanzen. Der Gedanke daran läßt mich lächeln.