
Als ich dabei war, mit meinem Team das Portal „Unsere Verstorbenen“ zu gestalten, hielt sich im
Frühjahr 2008 mein Sohn Tobias als Austauschschüler in den USA auf – möglicherweise im kleinsten
Dorf
der USA, das über eine eigene High School verfügt. Denn Coleridge in Nebraska hat nur 500
Einwohner. Aber es hat drei Kirchen, die gut besucht sind – und
es hat einen großen Friedhof
(siehe Foto von Tobias Schumacher) mit zum Teil sehr alten Grabsteinen mit deutschen Inschriften.
Viele Einwohner von Coleridge stammen von deutschen Einwanderern ab, im Ort selbst wimmelt es
sozusagen von „Frerichs“, einem in Norddeutschland und am Niederrhein geläufigen Familiennamen.
Kein „Frerichs“ versteht oder spricht mehr deutsch, aber ein Grabstein spricht für sich.
Mein Sohn wohnte bei Diane und Gary Frerichs, die sich liebevoll um den 17-jährigen Schüler aus
Deutschland gekümmert haben. Nun arbeitet Gary eines samstags vor seinem Haus, als ein Auto anhält –
und es steigt ein älteres Ehepaar aus Bayern aus, schlecht amerikanisch sprechend. Das einzige, was
Gary versteht, ist "German".
Zufall oder Fügung? Gary hat ja nun einen gut amerikanisch sprechenden Deutschen im Haus – eben
meinen Sohn. Und der klärt die Sache. Das Ehepaar sucht den Weg zum Friedhof von Coleridge, um das
Grab der Schwester der Großmutter zu besuchen, die vor 80 oder 100 Jahren in die USA ausgewandert
war. Gary vom Typ des hilfsbereiten Amerikaners schwingt sich in seinen Wagen und führt das Ehepaar
zum Friedhof. Und die beiden älteren Herrschaften finden das Grab ihrer Großtante, wo sie im Gebet
verharren.
Tobias berichtete mir die kleine Begebenheit per eMail. Und alle in unserem Team, die an dem Portal
"Unsere Verstorbenen" arbeiteten, wurden nachdenklich. Solange die Lebenden an die Toten denken,
sind diese nicht tot. Sie leben weiter in unserer Erinnerung.
Ich habe diese kleine Geschichte nach Coleridge weiter geleitet, zu Pastor Stein. Auch der hat
einen deutschen Namen – kein Wunder. Er ist vor sechs Jahren in die USA gekommen und leitet in
Coleridge die lutherische Gemeinde.
Ich bin sicher, er wird mit seiner Gemeinde ein Gebet sprechen für alle Verstorbenen – und natürlich
auch für die Schwester der Großmutter des älteren Ehepaars aus Bayern, das einen weiten Weg auf sich
genommen hatte, um an einem Grab zu beten.