Die letzte Ehre für den Ballettmeister
Ich wollte nur frische Luft schnappen, nachdem ich vier Stunden im Konferenzraum des Latvija Hotels in
Riga mit Geschäftspartnern verhandelt hatte. Gestern war der Tag farbenüberstrahlt. Die intensive,
schräg stehende Sonne des Nordens hatte die Bäume in den städtischen Parks in ein Farbenfeuer getaucht.
Der heutige Tag aber war diesig und verhangen, ein Tag, bei dem sich der Trauermonat November schon
ankündigte.

Per Zufall kam ich am imposanten Rigaer Opernhaus vorbei, in das viele Menschen mit Blumensträußen in
der Hand hineingingen. Eine Opernaufführung schon am Mittag, das konnte nicht sein. Und da sah ich dann
auch den Leichenwagen am Seiteneingang stehen. Da brauchte ich niemanden zu fragen - ohne Zweifel war
ein Mitglied des Ensembles gestorben.
Ich ließ mich von der Menge mitziehen und fand auch noch einen Stehplatz im dicht gefüllten Opernhaus.
Ein Toter war auf der Bühne aufgebahrt und sein Sarg eingerahmt in ein Meer von Blumensträußen. Eine
Opernsängerin sang eine slawische Weise, die ich nicht kannte, deren Inhalt ich aber erahnte.
Ich habe nach der Totenfeier dann doch ein Gespräch geführt mit einem Ehepaar mittleren Alters, das
gut Englisch sprach. Von ihm erfuhr ich dann, wer gestorben war - der 72-jährige Ballettmeister der
Rigaer Oper.
Die beiden waren mit dem Verstorbenen weder bekannt noch verwandt, sie liebten ihn "nur", weil er
viele wunderschöne Ballettaufführungen choreografiert hatte. Ballett, das hat in Russland und in den
baltischen Staaten eine tiefe, emotionale Bedeutung.
Die Frau unterdrückte nur mühsam die Tränen. Und dann sagte sie etwas Wunderbares: "Er wird jetzt mit
den Engeln im Himmel tanzen, denn der viele Applaus, den er in seinem Leben bekommen hat, hat ihn
direkt in den Himmel getragen. Das weiß ich ganz genau!" Nachmittags ging meine Geschäftsbesprechung
weiter. Ich war nicht besonders konzentriert. Applaus für meine Arbeit bekomme ich nicht, manchmal
eine Anerkennung meines Chefs, manchmal eine Sonderzahlung, wenn ich einen besonders lukrativen
Auftrag beschafft habe.
Ich würde mir auch Applaus wünschen, der mich in den Himmel trägt, wenn meine irdische Uhr nicht mehr
tickt.