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Worte und Gedichte der Trauer und des Trostes
Meines Großvaters Taschentuch
Mein Großvater ist jetzt sechszehn Jahre tot. Aber ich muss oft an ihn denken. Mittags, wenn die Schule aus war, bin ich zu
Großvater gegangen. Denn meine Eltern hatten damals einen Fulltime-Job, wie man heute auf "Denglisch" sagt. Mein Großvater
hat mich auch "bekocht", wirklich gut konnte er fünf Gerichte - und die gab es im regelmäßigen Turnus von Montag bis Freitag.
Der Montag war der Reibekuchentag und auf den Reibekuchen lag immer eine dicke Schicht Rübenkraut. Den Freitag hatte Großvater
als den "Tag der deutschen Eiercreme" auserkoren. Es gab immer Reis mit Fisch und Salat - und zum Nachtisch Eiercreme. Wenn ich
daran denke, meine ich den Geschmack der Eiercreme auf der Zunge zu spüren.
Wir sind oft durch die Gegend gelaufen und ich habe Großvaters Schnurren zugehört. Das Wort Schnurren kannte ich damals noch gar
nicht. Es waren einfach wunderbare Geschichten, wobei er mich glauben machte, dass die Bäckertochter bald Königin von Kirgisien
werden würde. "Denn die Kirgisen haben alle pechschwarzes Haar und sie suchen seit Jahren nach einer blonden Frau, um sie zur
Königin zu krönen."
Er schilderte mir die Zukunft der kirgisischen Königin so malerisch, dass ich dort Königin werden wollte, zumal Großvater mir
mit großem Ehrenwort versicherte, dass es in Kirgisien keine Schulen gebe und die Kinder dort statt auf die Schulbank direkt
auf einem Pferdesattel Platz nehmen würden. Meinen Wunsch konnte Großvater aber nicht erfüllen, weil ich braunes Haar hatte.
Da musste ich aus lauter Enttäuschung weinen und Großvater holte aus seiner Hosentasche ein großes Taschentuch, entfaltete es
feierlich, trocknete mir die Tränen, ließ mich in das Taschentuch schnauben und versicherte mir, er werde nach einem anderen
Land Ausschau halten, wo man eine Königin mit braunen Haaren suchen würde.
Großvater hatte immer zwei frisch gebügelte große Taschentücher in seinen Hosentaschen. In der rechten Tasche ein kariertes,
in der linken ein blütenweißes. Als ich fünfzehn war und Jens, meine erste große Liebe, mit mir Schluss machte, bin ich heulend
zu Großvater gelaufen. Er hat mich in die Arme genommen, mich in das karierte Taschentuch schnäuzen lassen und mir mit dem rechten
weißen die Tränen getrocknet. Und dann hat er mich sogar zum Lachen gekriegt, als er mir feierlich verkündete: "Nach jahrelanger
Suche habe ich das Land gefunden, in dem du Königin werden wirst! Du wirst Königin von Apulien - die brauchen unbedingt eine Königin
mit braunen Haaren. Als Königin von Apulien darfst du aber nicht weinen!"
Heute bin ich über die dreißig. Mein Großvater starb kurz nach meinem 16. Geburtstag. Zur Beerdigung hatte ich einen Stapel seiner
Taschentücher mitgenommen und alle habe ich klatschnass geweint.
Immer habe ich in meinen Handtaschen eins von Großvaters Taschentüchern. Und als neulich mein kleiner Sohn hinfiel und sich eine
Schürfwunde zuzog, habe ich sein Knie mit Großvaters Taschentuch verbunden.
Ja, ich denke oft an meinen Großvater. Vor drei Jahren ging meine Beziehung zu Johannes in die Brüche. In der obersten Schublade
meiner Dielenkommode liegt immer ein großer Stapel von Großvaters Taschentüchern. Neun davon habe ich nass geweint. Und dann spürte
ich, wie Großvater sagte: "Liebes, nicht weinen! Als Königin von Apulien darfst du doch nicht heulen."
Miriam Schneider-Waldmann
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