Der Wunderbaum in meines Vaters Garten
Mein Vater ist jetzt über 30 Jahre tot, aber sein Nussbaum, der lebt und trägt reiche Früchte. Im
letzten Herbst über zwei Zentner, die meine Kinder für zwei Euro das Kilo verkauft haben. Ich kann
mich noch gut daran erinnern, als Vater ein Riesenloch in den Rasen grub. Meine Schwester und ich,
wir standen neugierig und staunend an der Grube. Ich sagte zu Vater, dass das Loch aber für ein
Schwimmbad zu klein wäre. Da hat er gelacht, mich an den Ohren gezupft und mir mit verschwörerischer
Stimme geflüstert:
"Da werden wir einen Wunderbaum reinsetzen!"
Meine Schwester hatte das Geflüster mitgehört - und falsch verstanden. "Ein Holunderbaum, ein
Holunderbaum - was sollen wir denn damit?"
Mein Vater zog die Augenbrauen hoch, hob den Zeigefinger und deklamierte: "Kinder, ich setze ganz
allein für euch einen Wunderbaum in den Garten, einen wille-wolle-wulle wunderbaren
W-u-n-d-e-r-b-a-u-m !"
Am Nachmittag kam der Wunderbaum an, drei Männer schleppten den Baum, dessen Wurzelwerk in einen
Sack eingebunden war, auf einer Karre bis an die Grube. Dann hau-ruck stand der Wunderbaum im Loch,
rundum wurden drei Pfähle eingeschlagen, der Baum mit einem grünen Band an den Pfählen befestigt -
und dann wurde die ausgehobene Erde in das Loch geschaufelt.
Meine Schwester und ich mussten den Wunderbaum wässern - jeden dritten Tag mindestens eine Gießkanne
voll.
Der Wunderbaum schien uns ziemlich langweilig. Er trug keine Blätter, der Stamm war eher ein
Stämmchen und hoch war er auch nicht, vielleicht dreieinhalb Meter hoch. Im Frühjahr trieb der Baum
zwar große Blätter, aber von einem Wunder war nichts zu sehen. Ich zupfte ein Blatt ab und zeigte es
meinem Biolehrer.
"Das ist ein Nussbaum! Dieter, da kannst du dich aber freuen, wenn Erntezeit ist!"
"Das ist aber gar kein Wunderbaum", sagte ich meinem Vater, "du hast uns angelogen - das ist ein
Nussbaum!"
Da zog mich mein Vater in seine Arme: "Da wachsen große goldene Nüsse drauf, das ist das Wunder - aber
wir müssen noch ein paar Jahre warten, denn manche Wunder dauern eben etwas länger!"
Und wir warteten und warteten - und dann auf einmal, nach sieben Jahren, als ich kurz vor dem Abitur
stand, prasselten die Walnüsse auf die Wiese. Zwei Eimer voll und wir holten uns braune Finger vom
Abpulen der harten grünen Außenschale. Aber wir waren stolz wie Oskar - nun war das Wunder doch
geschehen.
Vater hob wieder seinen Zeigefinger: "Die müssen bis Weihnachten noch nachreifen und dann werden sie
ganz golden!"
Und als sie Weihnachten auf unseren Weihnachtstellern lagen, da schimmerten sie tatsächlich golden.
Vater hatte sie mit einem Farbsprüher goldfarben angemalt.
"Meine Tochter, mein Sohn!", hub er feierlich an. "Unser Wunderbaum hat goldene Nüsse getragen. Gott
gab uns diese Nüsse, aber er knackt sie nicht auf!"
Wir haben an diesem Heiligen Abend jede Menge Nüsse geknackt - und Nüsse gegessen, bis wir nicht mehr
konnten. Selbst Mutter, die den Nussbaum im Stillen eher verwünscht hatte, weil er ihr zu viel
Schatten warf, sprach anderntags von einem Wunder. Das war auf dem stillen Örtchen geschehen, wo die
Nüsse eine relaxierende Wirkung entfaltet und Mutters chronische Verstopfung gelöst hatten.
Wir haben damals Tränen gelacht.
Meines Vaters Wunderbaum trägt von Jahr zu Jahr mehr Nüsse. Und wenn die ersten reifen Nüsse vom
Baum fallen, denke ich besonders intensiv an Vater. Ich war keine einundzwanzig, als er seinen
zweiten Herzinfarkt erlitt und der Notarzt nichts mehr machen konnte. Die Nüsse werden jetzt von
meinen Kindern aufgesammelt und die sprechen nun von "Opas Wunderbaum". Ihren Opa haben sie nicht
kennengelernt. Aber der Baum bildet eine Brücke zu ihm.
Meine Schwester lebt in Südfrankreich, wo es Walnüsse in Hülle und Fülle gibt. Dennoch geht jedes
Jahr ein Päcken mit goldenen Nüssen von Vaters Wunderbaum in die Charante.
Mein Vater lebt nicht nur in unseren Erinnerungen. Er hat uns etwas Wunderbares hinterlassen.
Einen wille-wolle-wulle wunderbaren Wunderbaum mit goldenen Nüssen.
Dieter Berghaus © Kopfweiden-Verlag