Als der "Zigeunerdoktor" zu Grabe getragen wurde
Die Geschichte stammt aus einer Zeit, als man noch nicht von Sinti und von Roma sprach, sondern von Zigeunern. 1954 lebten die, die dem Holocaust entkommen waren, in einer "Wagenburg" am Stadtrand von Köln. Die Bürger, die zehn Jahre zuvor noch "Heil Hitler" geschrien und an die Kostbarkeit des "arischen Blutes" geglaubt hatten, das man nur ja nicht mit jüdischem Blut oder Zigeunerblut vermischen dürfe und die, die ja immer schon dagegen waren und nie die NSDAP gewählt hatten - die senkten die Blicke, wenn sie an der Wagenburg vorbei kamen. Und die aufrechten Deutschen, von denen es ja auch einige gab, senkten zwar nicht den Blick, sondern schauten hin und gingen kopfschüttelnd weiter, "weil das doch keine Zustände sind, wie die da leben!"
Auch Zigeuner werden einmal krank. Doch welcher Arzt machte damals Krankenbesuche in einem
Wohnwagen? Ein junger Arzt war es, der sich auf seinen Motorroller schwang und die Zigeuner
ärztlich versorgte. Das sprach sich herum und nicht jeder seiner Patienten hatte dafür Verständnis.
Aber dann packte der Zigeunerdoktor, wie er bald genannt wurde, die Patienten bei der katholischen
Ehre. Und in Köln war man damals relativ streng katholisch.
"Die Zigeuner sind alle gute Katholiken!", brachte er seinen Patienten und seinen Bekannten und
auch seiner Verwandtschaft bei, die es lieber gesehen hätte, wenn der junge Arzt die bessere
Gesellschaft aus dem Villenviertel in Köln-Marienburg behandelt hätte.
Kurz nachdem der Zigeunerdoktor geheiratet hatte, verunglückte er tödlich bei einem Wochenendurlaub
an der Mosel. Und als der Doktor zu Grabe getragen wurde, da schloss sich auf einmal eine Gruppe
dunkelhaariger Frauen und Männer dem Trauerzug an. Es waren die Zigeuner - und vier davon hatten
ihre Instrumente dabei: Zwei Geigen, ein Cimbal, ein Akkordeon. Die Weisen, die sie spielten, waren
kaum einem der Trauernden bekannt. Es waren uralte Weisen, die aus der Tiefe der Seele eines
jahrhundertelang verfolgten Volkes kamen.
Selten ist jemand so herzergreifend zu Grabe getragen worden, wie der junge "Zigeunerdoktor". Ich
weiss nicht, wer einmal meinem Sarg folgen wird. Vielleicht der Kirchenchor, dessen Ehrenmitglied
ich aufgrund einiger Spenden geworden bin. Viel lieber würde ich aber - wenn ich könnte - Musik von
Geige und Cimbal hören, gespielt von Zigeunern.
Werner Brettschneider © Kopfweiden-Verlag